Komm, steig ein!

Gedanken zur pastoralen Situation unserer Gemeinde
von Pastor Heinz Volmer

Unsere Kirche und die Welt befinden sich in einer Umbruchsituation. Dies gilt global und national. Dies gilt aber auch für unsere Kirchengemeinde vor Ort hier in Hennen und Kalthof. Umbrüche in Kirche und Gesellschaft sind immer verbunden mit Herausforderungen für die handelnden Menschen.

Um den pastoralen Herausforderungen gerecht werden zu können, ist es zuvor sinnvoll, die Situation unserer Gemeinde und der einzelnen Gemeindemitglieder analytisch in den Blick zu nehmen.

- Wo stehen wir? - Was denken und empfinden die Mitglieder der Gemeinde?
- Wo soll es hingehen? - Was wünschen die einzelnen Gemeindemitglieder?

Unter der Überschrift "Komm, steig ein!" befragte der Pfarrgemeinderat jedes Gemeindemitglied unserer Gemeinde. Ziel der Aktion: Standortbestimmung für jeden Einzelnen und für die gesamte Gemeinde. Nur so lässt sich die Ist-Situation der Gemeinde analysieren. Insgesamt wurden 2.520 Fragebögen an die Gemeindemitglieder ab 14 Jahren verschickt. In Hennen wurden 1.700 und in Kalthof 820 Fragebögen verteilt. Dies entspricht der Größe der Gemeinde. Insgesamt zählt unsere Gemeinde 2.800 Mitglieder. Trotz der vielfältigen Baumaßnahmen in Hennen und Kalthof stagniert die Anzahl der Gläubigen in den letzten Jahren. Hier spiegelt sich die allgemeine demographische Entwicklung im Iserlohner Norden wider.

Insgesamt wurde 254 Fragebögen zurückgegeben. Dies sind 10 % der ausgegebenen Bögen. Auch wenn man die Ortsteile Hennen und Kalthof einzeln betrachtet, ergibt sich eine Rückgabequote von 10 %: Hennen 172 und Kalthof 82. Es lässt sich nun natürlich lange darüber spekulieren, warum nur 10 % der Gemeindemitglieder ihren Fragebogen zurückgegeben haben. Es wäre aber eben nur Spekulation und würde nicht weiterführen.

Die Rückgabequote von 10 % entspricht in etwa der Anzahl der regelmäßigen sonntäglichen Gottesdienstbesucher. Die Personen, die den Fragebogen abgegeben haben, sind zwar nicht mit der sonntäglichen Gemeinde identisch, allerdings zeigt sich, dass ein sehr großer Teil dieser Gruppe sich mit unserer Kirchengemeinde verbunden fühlt und mehr oder weniger regelmäßig an den Veranstaltungen und Gottesdiensten unserer Kirchengemeinde teilnimmt.

Aufgrund des kirchlichen Engagements und der sonntäglichen Kirchenbesucherzahlen lässt sich konstatieren, dass 10 % unserer Gemeinde zu den "Aktivchristen" gerechnet werden können. Diese 10 % engagieren sich in irgendeiner Form in unserer Gemeinde. Allerdings kommt der Typ des Aktivchristen in sehr unterschiedlichen Ausprägungen vor. Da gibt es "Traditionalisten", die alte gesellschaftliche Verhältnisse bewahren möchten; "Integralisten", die gesellschaftliche Veränderungen zwar wahrnehmen, sie mit aber mit Hilfe alter Leitbilder und Formulierungen deuten und gestalten, ferner "Institutionalisten", die, innerhalb der Kirche an einer Erneuerung des christlichen Modells arbeiten; schließlich "kritisch Identifizierte", die inmitten der neuen Lebenslagen das übernommene Modell des Christentums neu zu definieren versuchen. Diese Gruppe der "kritisch Identifizierten" bildet in unserer Gemeinde die zahlenmäßig stärkste Kategorie. Dies zeigt sich in besonderer Weise in der Zustimmung zu einzelnen Glaubensaussagen und der religiösen Praxis.

Ein sehr buntes Bild zeigt sich bei den 14 bis 26jährigen. Hier lässt sich kein einheitlicher Trend aufzeigen. Anders bei den 27 bis 80jährigen: Für diese Gruppe zeigt sich eine sehr hohe Zustimmung zu einzelnen Glaubensaussagen und auch im praktischen Vollzug sind Sonntagsgottesdienst und persönliches Beten sehr wichtige oder wichtige Eckpfeiler.

Was bei allen Altersschichten auffällt: Lesen in der Bibel ist für sehr viele nicht wichtig. Dies führt unweigerlich zur Frage, nach der Bedeutung der Bibel für den persönlichen Glaubensvollzug. Wenn die Bibel so etwas wie das christliche Grundgesetz ist, dann muss dies sicher mehr ins Bewusstsein der Gläubigen rücken. Wie kann das Lesen in und die Arbeit mit der Bibel in unserer Gemeinde attraktiver gemacht werden? Ansonsten droht die Gefahr, dass eine Gemeinde zwar wilden Aktionismus an den Tag legt, aber die eigentliche christliche Identität dabei verliert.

Die Antworten auf die Frage "Welche Erwartungen haben Sie an Ihre Kirchengemeinde?", zeugen von der hohen Erwartungshaltung, die viele Gemeindemitglieder an unsere Kirchengemeinde haben.

Ausgehend von diesen Erwartungen werden die Pfarrgemeinderäte unserer Kirchengemeinde auf einer Klausurtagung pastorale Schwerpunkte und Perspektiven für unsere Gemeinde entwickeln. Dabei muss die Seelsorge vor allem der Gefahr begegnen, dass sich die Kirchenchristen in ihre Kerngemeinde zurückziehen und die überzeugende Kraft nach außen verlieren. Die Seelsorge darf nicht eine "Pastoral der Bekehrten" bleiben, sondern muss zu einer "Pastoral der Bekehrung" werden, d. h. sie darf sich nicht nur um die Christen in den Kerngemeinden kümmern, sondern muss den Blick auf alle Menschen richten.
Besonders die kritisch-identifizierten Aktivchristen unserer Gemeinde können in ihrem religiös-kirchlichen Verhalten ein Modell für die Möglichkeit anbieten, die Probleme der Dissonanz zwischen kirchlichen und gesellschaftlichen Wertesystemen kreativ christlich zu bewältigen. Diese Möglichkeit verleiht den kritisch-identifizierten Aktivchristen eine pastorale Schlüsselposition für eine "Seelsorge der Bekehrung".

Bei der zukünftigen pastoralen Arbeit muss darauf geachtet werden, dass eine glaubwürdige und zugleich offene Gemeinde entsteht. Glaubwürdig ist eine Gemeinde, wenn in ihr die drei Grundfunktionen zum Tragen kommen: Glaubenszeugnis, Gottesdienst und karitativer Dienst. Offen ist sie, wenn sich in ihr und vor allem in ihren Gruppierungen auch solche zu Hause fühlen können, die sich ansonsten mit der Kirche nur teilweise identifizieren können.

Dies deckt sich mit den Erwartungen, die sehr viele Gemeindemitglieder an unsere Kirchengemeinde haben. Für viele ist es sehr wichtig, dass wir (1) ansprechenden und zeitgemäßen Gottesdienst feiern, (2) uns um Menschen in Not kümmern und schließlich (3) die Menschen durch Taufe, Kommunion, Hochzeit und Beerdigung an den Wendepunkten des Lebens begleiten.

Ein Schwerpunkt der pastoralen Arbeit war in den letzten Jahren die Kinder- und Jugendarbeit in unserer Gemeinde. Ich denke hier an die hervorragende Arbeit unserer Kolpingsfamilie, die Sommerfreizeiten in Dänemark, die Messdienerarbeit, die Kommunion- und Firmvorbereitung. Dies muss und soll auch in Zukunft so bleiben. Denn die religiöse Sozialisation der nachwachsenden Generationen ist die Zukunftsfrage der Kirche: Gelingt die Weitergabe des Glaubens an die Kinder und Enkelkinder?

Eine besondere Herausforderung bildet dabei die Firmvorbereitung. Im September des nächsten Jahres wird Weihbischof Wiesemann in unserer Gemeinde das Sakrament der Firmung spenden. Gefirmt werden die Jungen und Mädchen der Jahrgänge 1991 bis 1993. Die Vorbereitung auf den Empfang des Firmsakraments beginnt im Februar 2007. Dazu werden die Jugendlichen persönlich eingeladen. Sollte jemand keine Einladung erhalten, der gefirmt werden möchte, so melde er sich bitte im Pfarrbüro. Die Begleitung der Firmbewerber und -bewerberinnen geschieht durch katechetische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unserer Gemeinde. Dazu fand bereits ein Treffen interessierter Gemeindemitglieder statt. Schön wäre es, wenn sich aus diesem Kreis eine feste Gruppe katechetischer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bilden würde.

Mittelpunkt der pastoralen Arbeit in unserer Gemeinde ist der Mensch mit all seinen Bezügen. Maßstab und Richtschnur unseres Handelns ist dabei Jesus Christus selbst. Verlieren wir ihn und sein Anliegen aus den Augen, dann verlieren wir unsere Identität als christliche Gemeinde. Denn letztlich geht es bei all unserem Tun in der Gemeinde um den Sinn des Lebens, gefunden im Überschritt des Glaubens. Seelsorge zielt auf einen Lebenssinn dadurch, dass sie das Leben der Menschen und das überlieferte Evangelium zu gegenseitiger Befruchtung bringt.

Die vor uns liegende Advents- und Weihnachtszeit macht am Beispiel Jesu diesen seelsorglichen Auftrag deutlich.Während der Adventszeit bereiten wir uns vor auf die Menschwerdung unseres Gottes. Wir erleben in der Gemeinde wie der Tag seiner Geburt näher heranrückt und unserem Leben Sinn und Ziel gibt. So können wir dann die Geburt Christi mit bereitem und offenem Herzen feiern, damit die Menschwerdung Gottes uns im Zentrum unseres Menschseins trifft.
Unser Menschenherz ist der Geburtsort des Christuskindes heute. Die Krippe von einst im Stall von Betlehem ist die Krippe heute in unseren Herzen. Denn nur in unserem Herzen kann die Geburt des Gottessohnes etwas bewirken, sich entfalten und in unser Leben hineinstrahlen. Aus der Krippe des Herzens geht die Botschaft der Hoffnung und des Friedens in diese geplagte und geschundene Welt hinein, um ihr wieder von neuem zu sagen und zu verkünden: "Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; es ist der Messias, der Herr" (Lk 2,10ff).

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine besinnliche und ruhige Adventszeit, ein gesegnetes und friedvolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Ihr (Euer) Pastor Heinz Volmer!

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